FÖRDERVEREIN RÖMISCHER GUTSHOF in EIGELTINGEN e.V.

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Villa in Hechingen/Stein

Seit dem Tod von Kaiser Tiberius im Jahr 34 n. Chr. hatten mehrere Kaiser das Römische Reich regiert und sich um dessen Vergrößerung bemüht. Ehrgeizige Pläne in dieser Hinsicht hatte auch Kaiser Domitian, der 81 n. Chr. an die Macht gekommen war. Er ließ einen Grenzwall, den Limes errichten. Diese Demarkationslinie zog sich quer durchs Land; sie war teils mit Graben, Wall und Palisade, teils mit einer richtigen Mauer bewehrt und konnte von zahlreichen Wachttürmen aus ständig kontrolliert werden. An dieser Grenze reihten sich wie Perlen an einer Kette die Kastelle, die festen Unterkünfte der römischen Truppe. Der Limes wurde nicht in einem Zug errichtet. Unter Domitian und seinen Nachfolgern entstand der Odenwald-Limes, zu dem auch das Kastell Obernburg gehörte. Die Besatzung eines Kastells bestand aus Auxiliareinheiten, d.h. Soldaten aus den eroberten Provinzen. Lediglich die Offiziere waren meist "echte" Römer.

An den Kastellen herrschte reger Grenzverkehr, Handelsgüter wechselten die Seiten, und vor allem römische Kaufleute zogen weit ins germanische Hinterland, um Geschäfte zu machen. Das Land hinter dem Limes konnte nun ungestört landwirtschaftlich genutzt werden. Auf Feldern und Wiesen gediehen Nutzpflanzen wie Getreide, Gemüse und Grünfutter, womit wenigstens teilweise die hier stationierten Soldaten samt ihrer Pferde versorgt werden konnten. Vor allem was die Verpflegung von Mensch und Tier betraf, so waren hier größere logistische Anforderungen an den Lagerkommandanten gestellt, der nicht nur für die Kasernenbauten, sondern auch für Ställe, Speicher und ihre Füllung zu sorgen hatte.

In welchen Größenordnungen bewegte sich die Versorgung einer Truppeneinheit? Ein Soldat erhielt jährlich 620 Portionen Weizen, das sind etwa 330 kg. Für ein Pferd rechnete man etwa 1000 kg Gerste pro Jahr. Bezogen auf die Kohorte in Obernburg mit knapp 400 Fußsoldaten und 120 Reitern plus Pferden waren also immerhin ca. 280 t Getreide zu beschaffen. Hinzu kamen noch Heu und Stroh für die Pferde sowie Fleisch, Gemüse, Olivenöl, Obst, Wein, Gewürze oder was sonst noch benötigt wurde.

Der Alltag eines Soldaten in einer Grenzgarnison bestand zumeist aus harter Arbeit: es mussten Kastelle mit Türmen und Toren gebaut, Straßen ausgebessert, Reit- und Zugtiere gepflegt und gefüttert werden. Ein angehender Legionär mit Namen Iulius Apolinarius schildert in einem Brief an seinen Vater das beschwerliche Lagerleben: "... Die Sache hat sich gut angelassen: Serapis sei Dank, ich bin hier heil angekommen, und während die anderen den ganzen Tag Steine klopfen und ähnliche üble Arbeiten tun, ist mir das bisher erspart geblieben. Ich bat den Statthalter Claudius Severus, mich in seiner Schreibstube zu beschäftigen. Er antwortete: 'Im Moment ist da kein Posten frei ...'."

Gediente und bewährte Legionssoldaten konnten zu Benefiziariern, einer Art Militärpolizist, berufen werden. Sie kontrollierten u.a. das Marktgeschehen in den Dörfern, das Entladen der Lastkähne an den Anlegestellen oder den kleinen Grenzverkehr. Die jüngst ausgegrabene Benefiziarierstation am Oberen Tor wird sicher noch einige interessante Fakten über Leben und Aufgaben der Benefiziarier ans Licht bringen.

In Bezug auf die Ernährungsgewohnheiten müssen wir grundsätzlich unterscheiden zwischen der ursprünglich einfachen Lebensweise der Soldaten, den gehobenen Ansprüchen der römischen Bürger und den luxuriösen Ess- und Trinksitten, den üppigen Gastmählern und dem aufwendigen Ambiente, was Tafelgeschirr und Raumausstattung angeht, die sich die Oberschicht, der Adel und einige neureiche Emporkömmlinge - vor allem in Rom und Italien - leisteten.

Was die Bürger Roms und Italiens angeht, so hatten diese durch wachsenden Wohlstand auch Gefallen an feinerer Kost gefunden. Vegetarische Speisen, wie sie in den "guten, alten Zeiten" üblich waren, verloren an Beliebtheit. In den besseren Zeiten, die mit der Regierungszeit von Augustus angebrochen waren, finden Fleischspeisen, vor allem Schweinernes, immer größeren Zuspruch. Kalb- und Ochsenfleisch wurde kaum zubereitet, denn das Rind galt seit altersher als heiliges Tier, das zum Ziehen des Pfluges und als Opfertier diente, aber zum täglichen Genuss weniger geeignet erschien.

Auch Schaf und Ziege wurden nur selten verzehrt, da man diese Tiere hauptsächlich wegen der Milch und der Wolle hielt. Beliebt waren Vögel, d.h. überhaupt Geflügel, auch Haselmäuse galten als Leckerbissen. Fische erfreuten sich ebenfalls großer Beliebtheit, das gleiche gilt für Schnecken, Austern und Muscheln.

Kehren wir jedoch wieder an den Limes zurück! Betrachten wir zunächst, was den einfachen Soldaten zum Leben zur Verfügung stand! Die tägliche Grundration setzte sich aus drei römischen Pfund, d.h. knapp 1 kg Getreide, aus Speck oder Öl und einer Art Weinessig zusammen. Jeder musste sich seine Mahlzeit selbst zubereiten; Kantinen oder Speisesäle kannten die Römer in ihren Kasernen nicht. Das einfachste Gericht war die puls, ein Getreidebrei. Die Herstellung dieses Breis war wenig aufwendig. Normalerweise wurde er aus geschrotetem Emmer hergestellt, doch konnten auch Hirse, Weizen und Dinkel verwendet werden. Im einfachsten Fall bereitete man sich den Brei aus Getreideschrot und Wasser, und wenn es möglich war, fügte man Salz hinzu. Zwei Nachteile wies dieses an sich hochwertige Nahrungsmittel auf: es war wegen seiner halb-flüssigen Konsistenz nicht transportabel, und es war nicht haltbar.

Vor allem in Standlagern wie dem von Obernburg, wird man eher das etwas aufwendigere Backen von Fladenbrot bevorzugt haben. Hierzu musste man einen Teig aus Mehl und Wasser bereiten und diesen einer längeren Hitzeeinwirkung von über 200 Grad aussetzen. Voraussetzung war natürlich, dass man einen entsprechenden Ofen zur Verfügung hatte. Von Nachteil war auch, dass diese Fladen schnell hart wurden. Man musste sie entweder essen solange sie noch warm waren, oder vor einem späteren Verzehr wieder einweichen. Rezepte zur Fladenherstellung sind viele überliefert. Meist legte man den Fladen auf Ziegel- oder Tonscherben, oft auch auf Würzblätter wie Lorbeer, auf den Boden eines vorgeheizten Ofens und stülpte einen flachen Backteller über den Teig. Den Teller konnte man zusätzlich mit Glut bedecken, um mit Oberhitze den Backvorgang zu verkürzen. So war der Ofen in einem Heizgang mehrmals zu beschicken.

Es konnte nicht ausbleiben, dass sich die Soldaten in langen Friedenszeiten und unter guten wirtschaftlichen Bedingungen mit der einfachen Militärkost nicht mehr zufrieden gaben. Allen voran werden wohl die Offiziere mit ihrem üppigeren Sold versucht haben, sich am Vorbild der verfeinerten Küche aus dem italischen oder mittelmeerischen Mutterland zu orientieren. Das dürfte ihnen ziemlich leicht gefallen sein, denn vor den Kastellen breiteten sich Lagerdörfer, vici und canabae, aus, in denen geschäftstüchtige Händler in Kneipen und Garküchen allerlei Leckerbissen und Wein feil boten.

Im 2.Jh. n.Chr. waren in der Tat im ganzen Römischen Reich alle Voraussetzungen für ein Leben in Wohlstand gegeben, natürlich auch beim Militär. Ein gewisser Aelius Aristeides schrieb in der Mitte dieses Jahrhunderts: "Der Erdkreis trägt nicht mehr Waffen, sondern ein Festgewand. Die Gebirge sind erschlossen, Ströme überbrückt, Wüsten besiedelt. Stadt liegt neben Stadt. Ein freier, ungehinderter Verkehr verbindet die fernsten Länder. Unsicherheit und Gefahr sind zur Legende geworden. Die Meere sind voll von Schiffen, die Straßen voll von Menschen und Wagen. Jede neueste Errungenschaft dringt sofort in alle Winkel des Reiches." Wen wundert es da, dass in römischen Siedlungen, d.h. sowohl in Kastellen als auch in Städten und Dörfern, ja sogar in Gräbern importierte Nahrungsmittel in größeren Mengen gefunden wurden. Feigenkörner, Reis, Olivenkerne und Kichererbsen traten bei Ausgrabungen zutage. Untersuchungen an römischen Fäkalien ergaben verblüffende Ergebnisse: unter den Getreidearten stellte Weizen den Hauptanteil, Gerste war nur schwach vertreten. Als heimische Kulturpflanzen sind Rispenhirse, Linse, Pferdebohne und Lein nachgewiesen. Die Früchte wild wachsender Pflanzen wie Apfel, Schlehe, Weißdorn, Brombeere, Himbeere, Holunder, Hagebutte sowie Haselnuss wurden gesammelt und verzehrt. Aus mediterranen Anbaugebieten stammen neben Oliven und Feigen auch Weintrauben, Mandeln und Koriander. Überraschend war der Nachweis von Pfefferkörnern, die beweisen, dass dieses geschätzte Gewürz aus Indien seinen Weg bis weit nördlich der Alpen fand. Für verschiedene Nahrungsmittel haben wir keine direkten Belege, lediglich ihre Verpackung hat sich erhalten. Amphoren für Wein, Olivenöl und garum, eine salzhaltige Fischsoße, die vor allem aus der Provinz Asia eingeführt wurde, geben beredte Kunde von solchen Flüssig-Importen.

Hinweise darauf, dass sich die gute Militärverpflegung auch auf die Fleischrationen bezog, fanden sich am Hadrianswall in England. Auf Holztäfelchen steht zu lesen, was innerhalb einer Woche an Lebensmitteln ausgegeben worden war: Lammfleisch, Schweinefleisch, Rindfleisch, Ziegenfleisch, Spanferkel, Reh, Hirsch, Schinken, Salz, Gewürze, Fischlake, Schmalz, Wein, Essig und Bier. Hier am Limes, wie auch in den ober- und niedergermanischen Militärlagern und Zivilsiedlungen, haben sich ebenfalls zahlreiche Belege für eine reich haltige Ernährung der Soldaten mit Fleisch gefunden. Am häufigsten findet man Rinderknochen und Hornzapfen. Daraus spricht eine Vorliebe für Rindfleisch, die die Soldaten offenbar von ihren germanischen Nachbarn übernommen haben.

Es scheint ein reger Tauschhandel mit Lebensmitteln zwischen den Soldaten, aber auch zwischen den Soldaten und ihren Angehörigen und Freunden existiert zu haben. Solche "Fresspakete" von zuhause scheinen aber keinesfalls ein Beweis für eine mangelhafte Verpflegung der Soldaten zu sein, denn es wurden auch Pakete aus den Lagern an die Lieben daheim geschickt. Es ging wahrscheinlich einfach darum, alle, die einem wert und teuer waren, an exotischen Spezialitäten und besonderen Leckerbissen teil haben zu lassen.

Versuchen wir, in Gedanken, einen Blick hinter die Obernburger Kastellmauern zu werfen! Wegen der bedrückenden Enge in den Mannschaftsstuben, in denen immerhin acht Soldaten hausten, haben sich zwei von ihnen nach Dienstschluss den Tisch im Freien gedeckt. Sie stammen aus der römischen Provinz Aquitanien und haben noch viele Jahre Militärdienst abzuleisten. Sie haben sich Lucanische Würstchen gegrillt, einige Kohlblätter oder sonstiges Gemüse und ein Stück Brot beigefügt, um auch richtig satt zu werden. Bei den Offizieren sieht es dagegen viel nobler aus. In den geräumigen Kopfbauten der Kasernenbaracken war sogar Platz für ein triclinium; dort lagen sie zu Tisch, um ihr Mahl einzunehmen. Mit etwas Phantasie können wir ein Drei-Gänge-Menü zusammenstellen:

Als Vorspeise gibt es mit Kräutern eingelegte, klein geschnittene schwarze und grüne Oliven. Als Hauptgang sollte ein mit Feigen und Graupen gekochter Schinken serviert werden. Da aber die Lieferung von Feigen aus der Provinz Asia mal wieder auf sich warten lässt und der Koch den Speisewunsch seines Kommandanten nicht erfüllen kann, trägt er halt Spanferkel mit Lorbeer auf. Als Getränk steht eine große Kanne mulsum, ein honigsüßer Gewürzwein, bereit, dem - allerdings mit Wasser verdünnt - eifrig zugesprochen wird. Als Nachspeise bevorzugen die Herren Offiziere etwas Süßes: Knödel aus Weizengrieß und Frischkäse, die nach dem Backen in Honig gewälzt und mit Mohnsamen bestreut wurden. Im Herbst, wenn die Birnen reif waren, könnte auch eine patina (Auflauf) aus diesen Früchten das Mahl abgerundet haben.

Ähnlich wie das Gelage zu Lebzeiten der Soldaten wird auch ihr Totenmahl ausgesehen haben. Um das Jahr 80 n. Chr. wird es Sitte, auf Grabsteinen Totenmahl-Szenen darzustellen. Häufig ist der obere Teil der Steine damit verziert. Der Verstorbene wird als Lebender gezeigt, wie er auf seiner Liege Platz genommen hat. Vor sich hat er einen kleinen Tisch, auf dem das Trink- und Essgeschirr steht, am Boden steht oft die Weinkanne, und seitlich ist meist ein Sklave abgebildet, der ihm auch zu Lebzeiten zu Diensten war. Es war römischer Brauch, das Totenmahl zu halten, den Toten zu verbrennen und den Leichenbrand dann an der Ausfallstraße außerhalb des Kastells oder der Siedlung zu bestatten. In Obernburg wurden Teile eines Friedhofs und eine ganze Anzahl an Grabgefäßen im Norden der Stadt gefunden. Hier setzten die Verwandten oder Freunde ihren Lieben ein mehr oder minder aufwendiges Grabmal. Hier endete das Leben eines manchen Soldaten, der nicht zwangsläufig ein "Römer" aus Rom sein musste, sondern dessen Heimat Frankreich, Britannien oder eine andere ferne römische Provinz war.

Werner Trunk nach: der Beitrag basiert auf einem Fachvortrag von Frau Dr. Gudrun Gerlach, Bonn, gehalten am 8. Mai 1999 anlässlich des 50-jährigen Bestehens des Heimat- und Verkehrsvereins Obernburg. Im Mittelpunkt der Ausführungen stand das Thema: "Essen und Trinken". Der Autor bedankt sich herzlich bei Frau Dr. Gerlach für die Bereitstellung des Manuskripts und die Erlaubnis der Veröffentlichung. (von: http://www.hvv-obernburg.de/html/romerleben.html).